20. Januar 2022
Julia Kriegel

CO2 Label - Greenwashing vs. Sinnvolles Kompensieren

CO2 Label sind in den letzten Jahren immer präsenter geworden. Ob in der Presse, im Supermarkt oder auf Unternehmenswebseiten. 

Klimaneutrale Produkte und Versprechen finden wir überall, ob physisch “greifbar” oder digital, gern belegt mit hübschen grünen Labels – selbst klimafreundliches ist möglich, wenn man der “grünen Werbung” der Wirtschaft glaubt. 

Überall liest man von CO2 Neutralität, Verringerung des CO2-Fußabdrucks oder CO2 Kompensation – das scheint mittlerweile zu unserem täglichen Sprachgebrauch zu gehören und findet sich in Zertifizierungen und entsprechenden “CO2-Labels”, die dann in der Unternehmenskommunikation, der Werbung offline und im Internet präsentiert werden.

Doch was ist das eigentliche Versprechen hinter diesen CO2-Labels?

Ein wenig Recherche bringt fragwürdige Praktiken wie die Wiederaufforstung und den immens wachsenden Markt für CO2-Kompensationen auf. Obwohl Nachhaltigkeit mehr ist als CO2-Neutralität und Abfallvermeidung – und als sinnvolle wirtschaftliche Verantwortung so wichtig – scheint Greenwashing heute nicht nur gang und gäbe, sondern auch ein mehr oder weniger akzeptiertes Geschäftsmodell zu sein.

Do You Just Compensate?

Dafür schauen wir uns erstmal an, was “Klimaneutral” eigentlich bedeutet: erstmal nämlich nur, dass da ein Ausgleich geschaffen wird zwischen Kohlenstoffemissionen eines Unternehmens und der Aufnahme oder Einsparung von Kohlenstoff. Und schaffen nun Anbieter von CO2-Zertifizierung und den Labels diesen Ausgleich? Im Falle vieler “Labels” und Zertifikate ist das “Wie” intransparent, der Weg zur zertifizierten Klimaneutralität eine Sache zwischen Auftraggeber (Unternehmen) und Auftragnehmer (Zertifizierer). Unsere Nachhaltigkeits-Managerin Julia hat sich in Ihrer Master-Thesis mit dem Thema “CO2 Labels auf Konsumgütern” beschäftigt – unter anderem mit dem Ergebnis, dass solche Labels und Zertifikate nicht immer halten, was sie versprechen und im Sinne der Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit auch durch die Politik strenger kontrolliert und durch klare Vorgaben an Firmen vergeben werden müssten. 

Denn oft täuschen Unternehmen mit einem “CO2 Neutral”-Label schlicht ihre Konsumenten, denn bis heute gibt es keine gesetzliche Grundlage für CO2-Label! Es besteht keine Pflicht, vor der Vergabe, wirkliche Emissionstreiber im eigenen Unternehmen, wie z.B. die Produktionsbedingungen, zu verändern, obwohl CO2-Zertifizierungen, CO2-Kompensation, -Reduzierung und -Ausgleich der Corporate-Welt belegen sollen! 

Dabei ist heute die Kompensation, vielen bekannt von z.B. Reisebuchungen, die häufigste Form, der schnelle Weg zum “grünen” Zertifikat. Auch wenn CO2-Neutralität heute ohne Kompensieren kaum möglich ist, gibt es große Unterschiede: von der sinnvollen Unterstützung überprüfbarer Projekte bis hin zu eindeutigem Greenwashing.

Ohne einheitliche, prüfbare Sinnhaftigkeit können CO2-Label also kein Beleg sein, dass ein Unternehmen oder Produkt nachhaltig wäre. 

Sie zeigen, dass ein Unternehmen mit Hilfe monetärer Transaktionen als Ausgleich des eigenen, nicht-nachhaltigen Verhaltens, soziale- oder Umweltprojekte unterstützt. Und dieses Kompensieren, ohne Prüfung des Labels und ohne eigene Veränderung, ist Greenwashing. Schlicht kein wirklicher Beitrag zur Lösung unseres dringlichsten Problems nicht-nachhaltigen Wirtschaftens. 

Aber was ist denn jetzt mit den Emissionen?

Und auch wichtig: durch den “Zukauf” von Zertifikaten sind die von Unternehmen ausgestoßenen Emissionen nicht verschwunden. Was ist also bei der CO2-Kompensation zu beachten? 

Jedes Unternehmen verursacht CO2 Emissionen – unterschieden wird dabei zwischen “Scope 1, 2 und 3 Emissionen”, die direkt oder indirekt mit dem Unternehmen und den Unternehmensaktivitäten in Verbindung stehen. 

Um die relevanten Bereiche zu bilanzieren, werden alle relevanten Emissionen und das unternehmerische Verhalten erfasst und bewertet. Ziel ist, Hebel und Einsparpotenziale zu identifizieren und Ansatzpunkte für Veränderungen zu setzen. Durch Änderungen eigener Prozesse, zum Beispiel in der eigenen Lieferkette, können vermeidbare Emissionen reduziert und nicht vermeidbare durch den Zukauf entsprechender (Klima-) Zertifikate kompensiert werden. 

Think Science, Find “Green” Friends FTW!

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Einordnung eigener Emissionsbemessung und -Bilanzierung muss der Stand wissenschaftlicher Daten sein. Die Anforderungen des Pariser Klimaabkommens von 2016 und die jährlichen Veröffentlichungen der IPCC setzen wissenschaftsbasierte Klimaziele (Science Based Target), die kontinuierlich weiterentwickelt werden. Entscheidend ist auch, dass die Ziele der global angestrebten Klimatransformation auch in Unternehmen direkt verankert sind.

Klimaneutralität und wirklich nachhaltiges Wirtschaften bedeutet also mehr, als das Einkaufen eines hübschen, “grünen” Labels. Bleibt unter anderem die Frage, wie wir als Organisation einen passenden, vertrauenswürdigen Partner finden als Unterstützung bei der eigenen Klimatransformation?

Gut ist, dass das Thema für uns alle immer relevanter wird. Dadurch gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Anbietern auf dem Markt. Einige sind schon seit Jahren aktiv und haben, trotz zäher Klimapolitik, z.B. funktionale und wirklich nachhaltige Klimaschutzprojekte aufgebaut – Label-Partner mit wirklicher Expertise auf Ihrem Gebiet. 

Für solche CO2-Kompensationsprojekte gibt es inzwischen verschiedene Standards, die von den Partnern erfüllt werden müssen. 

Go Gold!

Um die ökologische und soziale Nachhaltigkeit der Klimaschutzprojekte sicherzustellen, hat zum Beispiel der World Wide Fund For Nature (WWF) den Gold Standard entwickelt. Weil die Kriterien weiter gehen, als bei anderen gängigen Standards für Klimaschutzprojekte, sind Gold-Standard-Projekte international anerkannt: Die Zertifizierung steigert den Marktwert der Emissionsminderungen und somit der CO2-Zertifikate signifikant. Unternehmen, die Zertifikate aus Gold-Standard-Projekten generieren oder kaufen, zeigen somit unternehmerisches Verantwortungsbewusstsein für Menschen und Umwelt.

Auch VAST FORWARD wird im Rahmen der VAST GREEN Implementierung nicht um das Kompensieren herumkommen – das nehmen wir jedenfalls heute an. Denn bestimmte Emissionen können wir nicht “auf Null” bringen. Wichtig ist uns, dass unser Vorgehen da beginnt, wo Veränderung ansetzen muss: bei uns selbst, und darum ist das gesamte VAST FORWARD Team aktiv in der Implementierung eingebunden. Wir machen also erstmal selbst, dann denken wir ans Kompensieren – darum sagen wir auch: “We Do Not Just Compensate”!

Für weitere Informationen gibt es auf der Website des Umweltbundesamts den Ratgeber “Freiwillige CO2-Kompensationen durch Klimaschutzprojekte” anhand dessen man die Anbieter bewerten kann. Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) bietet außerdem einen empfehlenswerten Überblick über Mögliche Partner: “CO2-Kompensation – aber wie? Und mit wem?”

Quellen

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